Monatsarchiv für November 2006

Mobil unterwegs

Montag, den 27. November 2006

So, ich bin wieder im 21. Jahrhundert angelangt. Ich bin mobil erreichbar: immer und ueberall, 00 91 99 10 26 09 70. Probiert es aus, aber bedenkt die Zeitverschiebung. Wenn es bei euch Mittag ist, ist es bei mir schon fast Abend. Und so weiter.

Und ob ein Anruf wichtig genug gewesen waere, um dafuer den Schlaf zu unterbrechen, weiss ich erst hinterher.

Seine eigene Nummer hier in Indien zu haben, veraendert wirklich die Beziehung zu machen Leuten (positiv?).

So habe ich meine Nummer bisher nur an 2 Inder weitergegeben, und dennoch rufen mich beide quasi jeden Tag einmal an. Einer von beiden auch noch, ohne jeglichen Gespraechsbedarf. D.h. 80 Prozent der Konversation bestehen im Nachfragen, da die schlechte Leitung das erste und letzte Wort abschneidet. Und der Rest ist auch nicht doll.

Gut, nun koennte man sagen: Klar, er arbeitet auch im Callcenter, warum soll er dann den Rest des Tages mit Telefonieren verbringen? Ganz einfach: Weil er es kann, und weil es ihn sogut wie nichts kostet. 1 bis 3 Rupien pro Minute sind ein Preis, der auch noch das unnoetigste Gespraech bezahlbar macht. Das heisst, nicht nachdenken, einfach anrufen. Kost’ ja nix.

Nicht nachdenken hiess es auch, als wir uns gestern im Kino den neuen James Bond angeschaut haben. Tolle Actionszenen, schoene Frauen (von denen hier in Indien die meisten Szenen stark geschnitten sind…), Pruegeln, Schiessen, das uebliche. Aber hat von euch jemand die Story verstanden? Oder die Motivation der Charaktere? Oder warum das einzige technische Spielzeug im James Bond Aston Martin ein Defibrilator (ihr wisst schon “Zuruecktreten…. 1… 2… 3…” Zschsch..) war?

Aber in der Hinsicht ist der Film doch nah an der Realitaet. Es gibt halt Dinge, die lassen sich nur schwer erklaeren…

Funkstille?

Freitag, den 17. November 2006

Grade als ihr dachtet, ich meld mich ja gar nicht mehr: Da bin ich wieder.

Gut, eigentlich war ich auch gar nicht weg (aus Delhi). Aber dafuer einfach ziemlich busy. Ja, inzwischen habe ich das Glueck/Pech, dass es nahezu immer Arbeit fuer mich gibt. Teils mit kurzen Deadlines, teils mit staendigen Aenderungen, wahlweise auch mit unverhofften Problemen oder einfach unnoetiger Warterei. Aber hey, so sieht wohl der Alltag von verdammt vielen Menschen aus, oder?

Ich werde mich jedenfalls nicht beschweren, schliesslich komme ich immernoch mit den Sachen klar, die ich machen darf. Und hab immer noch meine gewissen “kuenstlerischen” Freiheiten bei der Arbeit. Doch was mache ich eigentlich im Moment?

Nun, ich arbeite immer noch an der Webseite fuer Deepalaya, aber es hat sich im Laufe der letzten Woche noch ein neues (Gross)Projekt bemerkbar gemacht: Das IFCW World Forum 2007. Im naechsten Jahr wird diese Veranstaltung in Delhi stattfinden (die in Kanada laueft grade), und Deepalaya ist der Gastgeber. Das hiess fuer mich: in Windeseile einen Promotionflyer fuer dieses Jahr zusammenbasteln (mit dem PC natuerlich), damit unser Chef 1000 Kopien an die illustren Gaeste verteilen kann. Und nebenbei noch eine Webseite basteln, die am besten gestern online ist.

Der Haken an der Sache: weder Inhalt noch Form der ganzen Sache waren in Stein gemeisselt. Das hiess: alle Nase lang eine Aenderung im Text, ein anderes Bild, ein komplett anderer Zeitplan fuer den Event, usw. Klar, ein Event mit 300 Leuten (darunter Teilnehmer wie die Frau von Ozzy Osbourne [Sharon]) hat seine Tuecken, aber um diese ein bisschen zu umschiffen, gab es ein Meeting nach dem anderen, und die Zeit rannte davon.

Doch letzten Endes ging alles gut (bisher): der Flyer sieht gut aus, kam 2 Stunden vor Abflug des Chefs hier im Buero an, und die Webseite nimmt auch langsam Form an. Das gute an den bisherigen Sachen: es ist alles (zumindest nach 20 Vorversionen) “statischer” Inhalt, d.h. einmal dafuer sorgen wie es aussehen soll, und fertig.

Aber ist damit die Konferenz abgewickelt? Nein, die Leute sollen sich online registrieren koennen, der Eventkalender muss immer wieder upgedatet werden, usw.

Um also die Leute hier im Main Office vor dem Ersticken in einer noch mehr steigenden Papierflut zu bewahren, bin ich nun dabei, ein Online-Konferenz-Anmelde-und-Abwicklungs-System zu bauen. Klingt kompliziert. Wird es wohl auch. Aber wenn es dann mal laueft, wird es hoffentlich seinen Teil zum Erfolg der Konferenz (und dem Gelingen der Planung) beitragen.

Schaun mehr mal!

Und sonst: Hmm, abgesehen von Arbeit, Arbeit, Arbeit waren wir 3 Jungs neulich im Kino: “The Departed” ist ziemlich zu empfehlen.

Uwe und Lena (die neusten Deutschen in der Deepalaya-Family) arbeiten nun beide im Main Office und freunden sich langsam mit der indischen Arbeitsweise an.

Basti und Urs haben derweil eine neue Wohnung gesucht, und auch gefunden. 160 qm! Zwar ohne jegliche Einrichtung, und ohne Essen. Aber dafuer zu einem absoluten Schnaeppchenpreis. Wenn sie also demnaechst umziehen, sind sie naeher an ihrem Arbeitsplatz in Nord Delhi, und es gibt sicherlich auch eine Party.

A pro po: natuerlich haben wir auch in bisserl Sozialisierung betrieben. In erster Linie sind es allerdings immer noch von Deutschen dominierte Events (z.B. der allwoechige “Treffpunkt” der Deutschen Industrie- und Handelskammer). Doch es daemmert am Horizont, so nach und nach lernen wir ein paar mehr (vor allem junge) Inder kennen. Das verrueckte: die sprechen auch Deutsch!

Kein Wunder, wenn wir sie im Max-Mueller-Bhavan treffen, wo sie doch eh alle zum Deutsch lernen sind. Aber dennoch ergibt sich dadurch sicherlich noch der eine oder andere Einblick in die “echte” indische Kultur.

UND, das beste zum Schluss: rechtzeitig zum Auszug von Urs und Basti habe ich es endlich geschafft, den SIM-Lock meines uralt-Handys zu knacken. D.h. ich kann mir nun doch (das Portmanee atmet auf) ohne ein neues Handy eine indische Telefonkarte kaufen, um immer auf dem laufenden zu sein.

Da SMS und Anrufe hier ziemlich guenstig sind (zwischen einer halben und 3 Rupien), hat quasi jeder (wirklich jeder) ein (funktionierendes) Handy. Nur ich nicht. Aber das aendert sich ja bald.
Wenn das soweit ist, werde ich die Nummer hier veroeffentlichen, damit ihr euch mal bei Bedarf melden koennt. Wenn sich schon (ausser Jens, danke!) kaum jemand per Mail meldet…

Schoenes Wochenende

P.S.: Lasst euch nicht von dem Wetter (unten rechts) taeuschen, inziwschen ist es hier echt KALT geworden. Wenn man sich an die Hitze gewoehnt hat, friert man auch beim 16 Grad Fahrtwind in der Rikshaw.

Leute, Leute, Leute

Mittwoch, den 8. November 2006

Mann, Mann, Mann.

Hier ist vielleicht was los: Momentan begegnen wir fast taeglich neuen Deutschen / Europaeern, die sich hier aus verschiedenen Gruenden in Delhi aufhalten.

Zunaechst sind da die 3 Hollaenderinnen: Die Schwester von Rudine (heisst Kirsten) und 2 Freudinnen von ihr, sie arbeiten fuer 3 Monate in der Sanjay Colony Schule, sozusagen als zwischen-dem-Studium Projekt.

Dann kam am letzten Freitag noch Abdiisee aus Berlin, die als Freiwillige bei VIA / Deepalaya arbeiten will (fuer ein halbes Jahr).

Zusammen mit den Vieren und uns 3 (Urs, Basti & Ich) und noch 2 (Sebastian & Johannes von Prayas, von denen ich 50% schon laenger kannte) sind wir am Samstag durch die Innenstadt (sofern man den Connaugh Place so nennen darf) gezogen. Als wir uns bei einem Beer & Wine Shop eingedeckt hatten, kamen wir an einem Auto vorbei, aus dem uns der Beifahrer erklaerte, das trinken in der Oeffentlichkeit hier in Indien verboten ist. “Hab’t ihr ein Auto?” - “Nein.” - “Ich wuerde euch ja wohin mitnehmen, aber wir haben leider keinen Platz…” Sein Kumpel kommt mit den Flaschen Wein aus dem Shop wieder, steigt in seinen Toyota Innova (ein RIESENauto). Wir reden ein bisserl. Er macht einen sympatischen Eindruck, ist ziemlich reich (wedelt mit den Scheinen), importiert Bungee-Seile aus Deutschland. Sein Kumpel exportiert Stoffe nach Polen.

Sie entschliessen sich nun doch, uns 9 (in Worten Neun) Leute mitzunehmen. In einen Club. Nur ist es mit den Clubs hier in Delhi so, dass die einzigen in den echt teuren 5-Sterne Hotels sind: d.h. hoher Eintritt, reiche Auslaender, und so weiter…

Nachdem wir also nach einer sehr gequetschten Fahrt im Toyota auf dem Hotelparkplatz ankamen, verglichen wir die Preise der 2 nahe gelegen Clubs (1000 respektive 500 Rs pro Paar, eine Massnahme um den Maennerueberschuss zu reduzieren). Eine halbe Stunde war dann das Bier vom Shop alle, und die Entscheidung gefaellt, wohl oder uebel (im guenstigeren Club) die 500 Rs fuer die ueberschuessigen Kerle zu zahlen. Spaeter stellte sich heraus, das in dem Gewusel die Inder uns 500 Rupien gesponsort hatten, und selbst wieder weg gefahren waren.
Aber wir waren drin. In einem (noch) ziemlich leeren Club (das uebliche, dunkel, leere Tanzflaeche, und alle Leute in die Ecken verteilt). Aber moment mal: Hier gibts so gut wie keine Inder. Die meisten sind Auslaender. Aber hauptsaechlich aus anderen Asiatischen Nachbarlaendern. Egal, die Musik (Hip Hop) ist gut, die Getraenke zwar teuer, aber immerhin wird der Eintritt in Gutscheinen zurueckgezahlt.

Alles in allem ein guter, und langer Abend. Darauf folgte ein Sonntag mit lange schlafen und durchhaengen. Und eine um so spannendere Woche:

Am Montag Abend trafen wir uns beim Stammtisch vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) mit einer Gruppe von ca. 10 anderen Deutschen, die teils als Studenten, teils als Trainees oder Interns (also fuer GELD!) hier in Delhi sind.

Es folgten ein paar gute Gespraech, eine Menge neue Namen, und der Kreis der Bekannten (Deutschen) waechst immer weiter…

Dann folgte gestern (Dienstag) eine Veranstaltung von Deepalaya bei einer der Schulen. Es wurde der Prototyp eines Hauses eingeweiht. Mit dem Namen “Tortoise” (Schildkroete) hatten ein paar Franzoesische Ingeneur-Studienten und ihre Professoren ein kostenguenstiges Haus aus Bambus und Stahl (coole Kombi) entwickelt und gebaut. Und nun steht es auf dem Gelaende von Deepalaya… Mal schaun ob es weitere gibt.

Bei der Gelegenheit trafen wir auf 2 weitere Deutsche: Uwe und Lena, die beide fuer 3 Monate bei Deepalaya arbeiten werden. Waehrend Lena schon mit studieren fertig ist, macht Uwe nach dem Vordiplom grade eine Pause, um im Ausland Erfahrungen zu sammeln. Die beiden werden wohl auch im Main Office arbeiten (sie sind erst seit 7 Tagen hier), d.h. ich werde wohl noch oefter mit ihnen (innerhalb und ausserhalb von Deepalaya) mit ihnen zu tun haben.

Nebenbei arbeite ich natuerlich auch wieder kraeftig, im Moment an einem super-schnell-noch-was-machen-Projekt, einem Flyer und einer Webseite fuer das IFCW World Forum 2007, das von Deepalaya veranstaltet wird.

Demnaechst mehr dazu, ich muss weg (der Strom hier im Office wird in 3 Minuten ausgestellt, alle anderen sind schon auf dem Weg nach Hause. Nur ich bin noch hier, von Muecken umkreist.)

Alles nur fuer Euch!

Tanzanfall

Freitag, den 3. November 2006

Gestern sassen wir gemuetlich beim Abendessen (gegen halb 10) als von draussen Trommeln und groehlende Leute zu hoeren waren.

Wir (Urs, Basti, Gagan & Ich) schauten durch das Fenster und sahen eine kleine Menschenmenge hinter einem Pritschenwagen herlaufen, von dem laute Musik ertoente. Zwischen ihnen liefen einige mit Neon-Leuchtroehren entlang, die von einem Generator auf einer folgenden Fahrradrikshaw angetrieben wurden. Alle Nase lang blieb der Tross stehen, um wie wild geworden zu tanzen - woertlich. Wir gingen aufs Dach, um mehr sehen zu koennen, der Vater brachte das Eis zum Nachtisch, und als wir satt waren, entschlossen wir uns: Da machen wir mit!

Also ab nach unten, die Dancing Shoes angezogen, und rein in die Menge. Bei naeherer Betrachtung vielen dann die einigen Frauen auf, die ebenfalls wie wild zwischen den sehr aggressiv tanzenden Maennern umherzappelten. Basti hatte seine DigitalKamera dabei, und begann Videos und Fotos zu machen: Auf einmal kommt eine in rot gekleidete Frau mit einem grossen goldenen Ring in der Nase direkt auf ihn zugestuermt, wir werden von den extatischen Maennern umringt. Die wartenden Autos hupen. Die Frau tanzt weiter, legt sich dabei auf die Kuehlerhaube eines wartenden Autos, die Maenner groehlen.

Was solls, wir steigen mit ein in das wilde Gezappel: Arme, Beine, alles was man hat wird in alle Himmelsrichtungen geschuettelt. Die Inder bemerken es, jubeln, umringen uns noch mehr. Ich denke mir nur: wenn jemand so in Deutschland in der Disko tanzt, rufen die Kumpels schon den Krankenwagen. Aber hier: egal, einfach Spass haben und froehlich sein. Ich werde von immer mehr Indern (auf mal nur noch Maenner) angetanzt, Haende werden geschuettelt, ein Grinsen von einem zum anderen Ohr auf jedem Gesicht. Und dann kommt auch noch die Frau in Rot, kommt (fuer indische Verhaeltnisse) unglaublich nah an mich ran, gibt mir noch einen Schmatzer auf die Wange… Die Menge tobt.

Doch wie heisst es so schoen: wenn’s am schoensten ist, soll man aufhoeren. Oder wenn man(n) einfach total aus der Puste ist, weil das die erste sportliche Betaetigung seit Wochen ist.

Also kaempften wir uns aus der Menge und gingen erschoepft zurueck ins Haus (mit dem Blick nach hinten, ob auch keine Groupies folgen). Dort erfuhren wir von Gagan, dass es sich um den Prolog einer Hochzeit handelt (der eine Typ, der auf einem Pferd sass, und die Menge beobachtete, war einer der 2 Brauetigamme [komisches Wort]). Stichwort Hochzeit: nach diesem Tanzanfall freuen wir uns umso mehr, vielleicht das Glueck zu bekommen, auf einer indischen Hochzeit dabei zu sein. Nur leider steht noch nicht fest wann, wo, wie und ob.

Aber wenn… Das wird ein Spass.

Back to Business

Mittwoch, den 1. November 2006

zureck in Delhi, zurueck bei der Arbeit!

Gut, die Fahrt hat laenger gedauert als ich erwartet hatte (30 statt weniger als 24 Stunden), aber dafuer kam ich gut ausgeschlafen morgens gegen 6 beim Haus von Sunita an.

Es folgte ein Gespraech mit (den Verschlafenen) Basti und Urs (der noch nicht in Rajasthan ist, im Gegensatz zu Tobias und Susi). Tina ist schon wieder los, auf dem Weg nach Tibet (sorry) Nepal, wo sie einen knappen Monat bleibt. Basti und ich bleiben erstmal in Delhi. Urs bekommt demnaechst Besuch aus DE, und dann geht’s fuer sie ab nach Rajasthan.

Nachdem also die aktuellen Infos getauscht sind, gings an den Fruehstueckstisch(Toast aus dem Sandwichmaker, lecker!), dann ab aufs Radel und ins Buero. Hier ist fast alles beim alten: mein PC ist mal wieder kaputt, ich warte auf die Reparatur (die heute noch zu Ende geht…) Ich hab eine neue Mitarbeiterin im Marketing Departement, es gibt einen neuen Executive Director (Mr. Willams) und meine Chefin, Sudha ist momentan zu Hause. Sie hat Probleme mit dem Herzen, und wird wohl demnaechst operiert… Bei dem Stress, den sie sich mit ihrem Job macht (trotz Krankheit per Email von zu Hause weitermachen) klingt das ganze nach Bypass-OP, oder?

Da heute der 1. des Monats ist, gab es zum Einstand von Mr. Williams als neuen Chef noch eine Vorstellrunde im Keller / Versammlungsraum: Jeder stellte sich artig vor, es wurde gescherzt, gelacht und … gesungen! Recht spontan kamen nach und nach verschiedene Mitarbeiter nach vorn, um ein Staendchen zu geben oder eine lustige Geschichte zu erzaehlen.

Tja, hier gibt’s immer wieder was neues!