Zug fahren und andere Spaesse
Sonntag, den 29. Oktober 2006Ich weiss nicht woran es lag, aber der Freitag in Hampi war einfach nicht toll… Schon waehrend ich den letzten Eintrag hier schrieb fuehlte sich mein Magen alles andere als gut an. Das Ganze zog sich bis gestern (Samstag) mit mehr oder weniger Problemen hin.
Daher verbrachte ich Freitag quasi nur im Bett, ausser dass ich morgens um 6 zusammen mit Nick den Sonnenaufgang beobachten ging und abends mit dem Zug nach Hyderabad weiter fuhr…
So verpasste ich zwar das Klettern in Hampi, durfte aber dennoch woanders klettern: naemlich auf den bereits abfahrenden Zug! Warum? Nachdem ich ca. 3 Stunden am Bahnhof rumgeduempelt war, kam ca. 22:40 der Zug (wie immer 20 Waggons). Ich wusste meine Waggon + Sitznummer (S 11, 63), was mir jedoch wenig half.
Waehrend die Waggons S 8, S 9 und S 10 an mir vorbei huschten, war auf dem naechsten Waggon keine Nummer: Also S 11, oder? Falsch, doch das festzustellen brauchte es mehr Zeit. Ich - als einer unter Hunderten - versuchte, durch eine der viel zu wenigen offenen Tueren in den Zug zu kommen (sie muessen von innen UND aussen per Hebel geoeffnet werden). Da innen drin (11 Uhr Nachts!) die meisten schliefen, waren somit nur wenige Tueren offen, an denen sich die Massen an Menschen stauten. Ich versuchte, in einen nahe an meinem (scheinbaren) Waggon gelegenen Eingang zu kommen, nur um nach 10 Minuten Quetschen festzustellen, dass dies die falsche (unter den 8 verschiedenen) Klasse war, und zum Nachbarwaggon keine Verbindung bestand. Also wieder raus! Vorbei quetschen an dem draengelnden Herrn, der Oma, ihrer Oma, den Kindern, den dicken Frauen, den Maennern, die noch in der Eingangstuer haengen. Gut, wieder auf dem Bahnsteig. Luft schnappen! Die naechste Tuer: Verschlossen! Die Leute daneben: super lustig: ~ “Sorry, hier ist nur fuer reservierte Plaetze, und wir liegen hier grade so schoen!” Die naechste Tuer: verschlossen, ein Mann auf der anderen Seite. Klopfen! Keine Reaktion? Mehr Klopfen! Er laueft weg? Toll, naechste Tuer, der Zug nimmt langsam Fahrt auf. Und? Richtig, verschlossen. Aber hey, ein Schaffner! Klopfen, kurzer blick, wirrer Wortwechsel, aber keine offenen Tuer. Ich greife in meine Hosentasche, druecke den Wisch gegen die Scheibe. Hoppla, 100 Rupien Schein. Neuer Versuch. Puhh, der Zug wird langsam schneller. Da ist das Ticket, ausgefaltet, gegen die Scheibe gepresst, der Schaffner liest in aller Ruhe, die Tuer oeffnet sich: Ich bin drin! Auf mal sind alle nett: “Ja, ha ha. Das hier ist der falsche Waggon, der hier faehrt nicht nach Hyderabad… Setzten sie sich erst mal, ich zeig ihnen spaeter den richtigen…”
Gut, sitzen, warten, verschnaufen. Ein Zug, der verschiedene Ziele mit verschiedenen Waggons ansteuert? Na gut… 2 dicke Kerle, beide angetrunken, einer telefoniert (mit einer Lautstaerke, als ob er seine Grossmutter am anderen Ende haette, und sie nebenbei noch nen Presslufthammer bedient). Das uebliche: Where are you from, how do you do, tra la la. Der Schaffner kommt zurueck “You want to go to your train now?” Ich folge ihm, er hat einen Schluessel, um die Verbindung zwischen den verschiedenen Klassen aufzuschliessen… Im naechsten Waggon ein traumhaftes Bild: Sleeper Class, voll bis oben hin. Auf jedem Bett sitzen mindestens 3 Leute, die Plaetze scheinen laecherlich ueberbucht. Dazwischen quetschen sich 2 Maenner hindurch, die mit ihren kleinen Papierzetteln versuchen, die zwanzig beleibten Damen, mit denen sie unterwegs sind, auf die richtigen Plaetze zu verteilen. Langsam lichtet sich das Chaos, ich wage mich durch bis zum anderen Ende des Waggons (mein Ziel in weiter Ferne). An diesem Ende herrscht Recht und Ordnung, jeder hat seinen Sitz. Gut, es sind auch Polizisten in Uniform… Nehmen sie sich das Recht nun raus, oder haben sie einfach bessere Tickets? Wer weiss, aber da kommen schon die Muttis, die noch verteilt werden muessen. Ich steh derweil vor der naechsten Trennwand (verschlossen, wer haette das gedacht). Einer der Polizisten ganz locker: “Da kommst du nicht durch, setz dich mal hin, bei der naechsten Station kannst du aussteigen, und wo anders wieder rein.” Toll, da um 12 nun sicherlich mehr Tueren auf sein werden, wenn der Zug in der Mitte von Nirgendwo haelt?! Doch was solls: neue Station, ich springe vom grade anhaltenden Zug, und warte eine Weile. Da! Waggon Sa 11 (in Hindi geschrieben). Der Zug hat immer noch nicht ganz gehalten, ich halte ich mich am Metallgriff des Eingangs fest, und hechte rein. Streife einen aussteige-willigen Inder leicht (”Easy, man”). Doch ich bin drin! Finde sogar meinen Sitz/ mein Bett auf Anhieb! Aber halt, was waehre diese Story ohne das naechste “Aber”? Aber der Sitz ist schon belegt, ein aelterer Herr holt sich seinen verdienten Schlaf. Toll, ich setze mich also hin, resigniere ein wenig, bis der naechste Schaffner kommt. “Wollen sie hier aussteigen?” Nein, nicht schon wieder. Er schaut mein Ticket an, gestikuliert, ich folge ihm, und er zeigt mir einen freien Platz. “Ist nicht so nah an den Toiletten, wegen Geruch und so…” Genau, was auch immer, Hauptsache: Schlafen!
Ein paar Stuendchen spaeter wache ich halbwegs entspannt auf, esse ein paar Kekse. Abwarten. Schlechtes Wetter. Irgendwann kommen wir dann an. Dieses Mal gabs keine guten Gespraechspartner, aber das Buch ist immer noch gut…
Raus aus dem Bahnhof, auf in die Rikshaw: zum Hotel Surhail, nicht zu weit weg. Reaktionen: “Ok, 50 Rupien. [viel zu viel]” - ”Oh, das ist kein gutes Hotel, ich fahr dich da und da hin, fuer …” - ”Oh, da ist es leider ausgebucht. Aber ich fahr dich…” Nein danke! 50 Meter weiter dann ein einzelner Rikshawfahrer, immer besser fuer solche Faelle. “Hotel Surhail!” - “???” 1. Versuch, 2. Versuch, der Verkauefer im Shop nebenan wird mit einbezogen. “Was, wie, wo?” Die Kopie vom Stadtplan aus Tina’s Lonely Planet kommt zum Vorschein. “Hotel Surhail?” Ich zeige drauf, er liest ein bisserl weiter, dann: “Hotel Surhel?” Kopfnicken, er gibt die Infos weiter zum Rikshawfahrer. Er schuettelt den Kopf beim Indischen Ja (links-rechts-Gewackel). Wie viel? “50 Rupies!” Na super! Wir einigen uns auf 25, er fragt auf halbem Weg nochmal nach, aber wir kommen an: Die Lobby sieht ganz gut aus, nur die Preise nicht. THE BOOK sagt, es soll 160 kosten, aber der Preis ist auf 200 gestiegen. Also? Draufzahlen, oder nochmal durch die halbe Stadt? Ich schau mir also den Raum an (quasi Doppelzimmer, TV, alles wunderbar). “Haben sie auch kleinere Zimmer?” Nein. Also gezahlt und eingecheckt.
Seid ihr noch da? Gut, dann mach ichs jetzt ein bisserl kuerzer: nachdem ich den halben Tag unterwegs war, ein bisserl in der Gegend rumgeschaut hatte, und mir auf dem Weg zu einer der Sehenswuerdigkeiten (auf Grund falscher Infos von Passanten) ziemlich verlaufen vorkam, ging ich zurueck ins Hotel, schlief, ging essen, schlief wieder, und schon war Sonntag.
Heute stand ich dann frueh auf, um mir die Sehenswuerdigkeiten anzusehen. Mit mehr Blick auf die Karte, und dem dennoch gleichen Weg wie am Tag davor kam ich irgendwann an: ich ging mit Regenschirm (immer noch kein tolles Wetter) und DigiCam bewaffnet an den Paar Ueberbleibseln aus den frueheren grossen Zeiten von Hyderabad vorbei. Char Minar, High Court, Mecca Masjid. Schon ganz nett, aber bei schlechtem Wetter und dem Wissen, das die wirklich grossen Sachen (Palaeste, usw.) heute alle den Betonbunkern gewichen sind, nicht ganz so erfuellend. Den Nachmittag verbrachte ich dann in der Naehe des kuenstlichen Sees im Zentrum von Hyderabad, genauer: im Prasad’s Multiplex. Kino + IMAX + Shoppingmall + amerikanisches Essen. Und ich mittendrin. Tausende von konsumfreudigen Indern. Das ist sie, die aufstrebende Mittelklasse, die jedem Strategen der internationalen Konzerne die Dollarzeichen in die Augen treibt. Und sie komsumieren. Nachdem ich im IMAX “Open Season” angeschaut hatte, kam ich mit 2 jungen Indern ins Gespraech. Sie luden mich auf eine Coke beim grossen M ein, einer der coolsten Plaetze fuer die junge Generation. Wir reden ueber Filme, Deutschland, Frauen, Zukunft. Gehen um den See ein bisserl spazieren, fahren dann 2 Stunden spaeter mit der Rikshaw eine Weile, bis sich unsere Wege trennen, und ich ins naechste Konsumzentrum gehe, um diesen Eintrag zu schreiben.
Es ist schwer, kurz zusammenzufassen, was fuer einen Eindruck ueber die jungen, aufstrebenden Inder die beiden hinterlassen haben, aber sie bestaetigen mehr die Befuerchtungen (~ “Die nehmen uns die Jobs weg!”) als die Vorurteile (~ “Die sind doch alle so pruede und verschlossen”).
Wenn ich mal wieder in Delhi bin (was bald sein sollte), werde ich sicherlich mal die Zeit finden, diese (und andere) Begegnungen und die folgenden Gedanken zu “Papier” zu bringen.
Bis dann