Eigentlich wollte ich diesen Eintrag mit der Beschreibung eines weiteren grandiosen TV-Films beginnen, aber dann dachte ich “Halt! Die denken doch ich haeng hier nur vor der Glotze”
Daher zunaechst: Am Montag Abend waren wir 5 bei einer Tanzvorfuehrung im Indischen Stil, d.h. laut, bunt, und … vom Glauben beeinflusst. Waehrend auf der Buehne die Taenzerinnen und Taenzer (ja, gibts sogar im prueden Indien) ihre Hueften bewegten, schallte aus 2 gigantischen Lautsprechern zumeist eine maennliche Stimme zu orientalischen Klaengen und einer passenden Video - Bilder - Abfolge uns Zuschauern entgegen. Die Thematik war der Lebensweg von Krishna (Geburt, Jugend, und ein bisserl weiter). Und da wir immer noch nicht soooo gut Hindi koennen, wurde es mit der Zeit ein bisschen nervig, das Wort Krishna alle 10 Sekunden um die Ohren geblasen zu bekommen. Aber naja, so ist Kunst nunmal. Entweder man mag es, oder man ist einfach nicht offen genug fuer die Botschaften und Inhalte.
Als wir den Saal mit bequemen Sesseln und der oberen Mittelklasse der Inder verliessen, wurden wir als erstes fotografiert, und als naechstes kam eine Reporterin der “Times of India”, einer der groessten Tageszeitungen Indiens, auf uns zu, “um uns ein paar Fragen zu stellen”…
Gut, etwa 50 Prozent der Zeit mit ihr gingen dafuer drauf, dass wir ihr unsere Namen wieder und wieder buchstabieren mussten, damit sie diese richtig auf ihr professionelles Schmierblatt kritzeln konnte. Danach kamen dann Fragen wie “und, wie wars? habt ihr was verstanden? was macht ihr hier eigentlich?” - Wir ganz stolz: “We’re working as VOLUNTEERS. FOR AN ENNN-GEEE-OOOHHHH.” [= Wir sind hier Freiwillige, und arbeiten fuer eine NGO (Yeah!)]
Gut, nun aber zum Film (sorry fuer die Wartezeit):
Es ging um einen Kerl, der fuer einen Tag Premierminister von Indien werden durfte (dann auch etwas laenger blieb). Der Praesident hatte mit ihm gewettet, das er es keinen einzigen Tag schaffen koennte, die Verantwortung zu tragen. Doch er sollte eines besseren belehrt werden…
Der Typ kommt also in sein Buero mit den tausend Angestellten, nimmt sich nur den persoenlichen Berater und einen Kerl mit, der eine Schreibmaschine vor den Bauch gebunden hat, und dann: Ab auf die Strasse, mal sehn wie es dem Volk eigentlich so geht. Gefolgt immer von einem Tross aus Journalisten und Fernsehkameras. Also auf zu einem Campus, wo gerade ein paar Maenner eine Menge Frauen unsittlich anfassen. Die Polizisten tun nicht wirklich was, also ZACK “Wie heissen sie?” - Antwort - Tipp, Tipp, Tipp, Unterschrift - “You are fired!”
Weiter zum naechsten Problemfall, einem echten Sumpf des Verbrechens. Zunaechst entzieht er einem Strassenhaendler die Lizenz, weil der ganz unauffaellig einen dicken Metallklotz unten an einer seiner Waagschalen befestigt. Dann weiter zu den richtigen Unholden.
Die 4 boesen Buben sitzen grade am Tisch, spielen Karten, im Hintergrund der Fernseher, der die Live-Bilder vom Ankommenden Supertyp zeigt. Die Tuer geht auf, ein Kameramann kommt rueckwaerts reingelaufen, der Held hinterher. Blickt dem Schurken tief in die Augen - Flashback - “Hey, das ist doch der Typ, der damals…” Also Schnitt, auf mal ist der Held allein mit jetzt ploetzlich 6 Kerlen auf dem Dach des Hauses, sie liefern sich eine Schlaegerei. Dann springt der Oberschurke vom Haus auf einen vorbeifahrenden doppelstoeckigen Bus [die Dinger gibts nur in Mumbai/Bombay -> Bollywood], der Held auf den naechsten, und ab hinterher. Sie treten, schlagen, aechzen und keuchen, mal der eine auf dem einen, dann auf dem anderen Bus. Ploetzlich faellt der Held vom Bus, landet auf der Strasse, bekommt aber noch das Trittbrett zu fassen, und rutscht 20 Meter nur auf seiner Guertelschnalle hinter dem Bus her. Dann richtet er sich ploetzlich auf, und laueft mit Haenden und Fuessen zwischen den beiden Bussen wieder hoch aufs Dach. Nun kriegt der Fiesling richtig Saures, im naechsten Moment sind er und seine Kumpane alle nur noch in Unterhose und Handschelen auf der Strasse zu sehen, um sie herum die angegrapschten Frauen von vorher, die boese ueber sie schimpfen…. Ende? Neeeeiiinnnn.
Unser Held geht zurueck ins Rathaus/Parlament/was auch immer, hat einen Haufen Polizisten dabei (die noch nicht gefeuerten), und laesste alle Politiker und Abgeordneten verhaften, da sie ja eh alle korrupt sind… Nachdem er also das Parlament aufgeloest hat, geht er noch weiter, und entmachtet den Praesidenten (kommt euch das auch so bekannt vor? ja, der Typ hier hat auch einen “Schnurrbart”)
Das ging dann aber doch zu weit, und er macht sich (verstaendlich, oder?) eine Menge Feinde. In der naechsten Szene, in der er mit einer Rikshaw auf einer dunklen, einsamen Strasse nach Hause gefahren wird, passiert es also. Er wird ploetzlich von zwei weiteren Rikshaws eingekeilt, aus denen ihm lauter Messer entgegenkommen. Auf dem Dach ist auch noch ein Typ, mit einer Lanze, der das halbe Dach durchbohrt. Aber nein, er waehre ja nicht der Held wenn er das nicht uebersteht…
Aber er faellt aus dem “Auto”, direkt in die Naehe einer Tankstelle. Die Typen haben jetzt nur noch Knueppel, knueppeln ihm also kraeftig ueber die Ruebe, und dann. Schuetten sie Benzin ueber in, machen ein Streichholz an “Trommelwirbel”, es brennt, er steht auf (mit letzter Kraft), rennt los, das Feuer ihm hinterher. Er zieht ein Kleidungsstueck nach dem anderen aus, springt von der naechsten Bruecke grade noch mit brennendem Ruecken in einen Schlammsumpf, und ist erstmal wieder gerettet….
Doch es kommt noch besser: Er steht auf, sieht jetzt aus wie eine graue Miniatur vom HULK, hat nun auch dessen Kraefte, und liefert sich nun auf einmal eine neue Schlaegerei auf dem nahegelegenen Schrottplatz. Autos werden geworfen (ja, geworfen), Knocken knacken, Glas splittert, und Matrixeffekte werden fleissig geklaut. Ganz grosses Popcorn-Kino.
Wenig spaeter kommt er raus aus dem Schlammassel, wird mit Wasser und Milch (war grade mehr als Wasser da) sauber gewaschen, neu eingekleidet, und mit Ketten umhaengt. Kurz: Vom Volk gefeiert…
Dann faehrt er in sein Heimatdorf, wird dort auch gefeiert, trifft seine Jugendliebe… Und grade als sie anfangen wollen, zu singen (Ja, das fehlt auch in diesem Film nicht)…. schaltet der Vater den Sender um… Naja, wer brauch auch schon das uebliche melancholische Gesuelze, das es in jedem Film gibt… Es war eh schon wieder 11 und Zeit fuers Bett.
A propo gefeiert werden: Ich hab grade erfahren, das wir tatsaechlich in der Times of India sind, mit Bild und in den Mund gelegten Worten. Ich mach gleich ein Foto davon, dann seht ihr es.
Und von was anderem schicken hab ich auch noch ein Foto.
Und warum heisst dieser Eintrag nochmal so komisch? Tja, das ist noch wieder eine andere Geschichte: Waehrend ich grade “The World is Flat” von Thomas Friedman lese, in dem es um Globalisierung und ihre Faktoren und Auswirkungen geht, liest Basti “Shiva tanzt - Das Indien-Lesebuch”. Doch beide zeigen an manchen Stellen Aehnlichkeiten. Achtung, jetzt wirds wissenschaftlich: In meinem Buch wird davon gesprochen, wie jede Arbeit heutzutage in einzelne Stuecke zerlegt wird, damit jedes einzelne der vielen Puzzelteile vom guenstigsten / besten Anbieter bearbeitet werden kann. Daher gibts hier soviele Callcenter…
Kurzfassung: Jede Aufgabe hat ihren eigenen Spezialisten. Neuer Trend? Von wegen, die Inder machen das schon lange so, und zwar in ihrem (zumeist hinduistischen) Glauben. Es gibt fuer jeden Problemfall einen einzelnen Gott. Zum Beispiel fuer koerperliche Gesundheit, oder fuer schoene Handschrift (ein Favorit der Schueler). Macht Sinn oder? Ganz realistisch und oekonomisch betrachtet: Stellt euch Glauben vor wie ein Telefongespraech. Ihr wollt was erledigt haben, also braucht ihr Hilfe. Wollt ihr lieber eine Leitung, die staendig besetzt ist, weil Alle dort wegen jedem Wehwechen anrufen, oder lieber einen Spezialisten, der sich nur um euer Problem kuemmern kann, dafuer aber eher Zeit fuer euch und eure Leidensgenossen hat…
Wieder was gelernt!