Waehrend sich in Europa scheinbar jeder nach mehr Hitze sehnt, war es fuer Johannes, Claus und mich an diesem Wochenende mal Zeit, ein bisschen Abstand von den konstanten 40 Grad in Delhi zu bekommen.
Daher machten wir uns am Donnerstag Abend per Nachtzug auf nach Shimla, eine Hillstation im Norden von Indien.
Der Spass begann aber eigentlich schon vor Donnerstag: Da wir wie immer mit dem Verkehrsmittel der Wahl, dem Zug unterwegs waren, dieser jedoch bereits ausgebucht war, versuchten wir es mit dem einfachsten Trick: der Touristenquote. D.h. in jedem grossen Bahnhof gibt es ein Buero fuer auslaendische Touris, wo diese nach Vorzeigen ihres Passes jeden Zug buchen koennen und (fast) garantiert einen Sitzplatz bekommt. So einfach. Eigentlich.
Da wir schon eine Weile an der Kurzreise planten (auch Alex, ein Mitarbeiter der GTZ [Gesellschaft fuer technische Zusammenarbeit]] wollte mit, war aber durch Krankheit dann verhindert), hatten wir vorsorglich alle Passnummern gesammelt. Also Claus und ich also am Mittwoch die Tickets buchen wollten, aber nur die Nummern und eine Passkopie vorzeigen konnten, wurden wir mit Hinweis auf “die Richtlinien/Vorschriften” freundlich aber bestimmt von den Buerokraten abgewiesen.
“Kommen Sie doch morgen zwischen 8 und 6 wieder.”
Die 6 ist die Einschraenkung dafuer, dass der Reservierungsplan jedes Zuges 4 Stunden im Voraus fertig gestellt werden muss, d.h. danach gibts nix mehr zu holen. Nur noch direkt im Zug beim Schaffner, der eine meterlange Liste dabei hat.
Nun kommt natuerlich noch dazu, dass
- wir 4 in ganz Delhi verstreut wohnen
- die Bahnstation eine knappe Stunde von jedem entfernt liegt
- wir arbeiten muessen
- der Zug erst abends um 10 faehrt
Alles in allem also keine so tolle Sache, aber was bleibt uns anderes uebrig?
Somit trafen wir verbleibenden 3 (Johannes, Claus und Ich) uns am Donnerstagabend gegn halb 6 am Bahnhof, buchten muerrisch unsere Tickets, und begannen den Kurzurlaub mit einem guten Essen am Connaugh Place (fuer Insider “CP”).
Doch halt, irgendwie klappt das doch alles ganz gut bisher? Naja, was ich vergessen habe, ist die Tatsache, dass Johannes, da er im Gegensatz zu uns (denkt euch einfach irgendwelche Gruende aus, wir tuen es auch) ein Studentenvisum hat. Und Studenten sind ja keine Touristen. Koennen also im Office nix reservieren.
Also nach unten, zum normalen Schalter. Nach einer Viertelstunde (was fuer indische Verhaeltnisse absolut nichts ist) erfuhren wir dort, dass der Zug hier nicht buchbar ist, da wir (bewusst) an der New, nicht Old Delhi Railway Station sind. Also erstmal essen, dann direkt vor Abfahrt buchen.
Wir sitzen also am CP im TIG Friday’s (einer recht bekannten High Class Fastfood Kette aus den US of A) und essen eine Pizza, die vom Teig her verdammt an Chappaties erinnert (die quasi die indische Grundnahrung sind).
Doch wie ich inzwischen weiss, ist diese Art von duennem Teig “echt italienisch”. Der dicke Teig ist eher die “deutsche” Variante. Claus meinte, in mancher deutschen Pizzeria wird man manchmal nach seiner Vorliebe dazu gefragt. Hmm, wieder was gelernt.
Noch ein lecker Schokokuchen hinterher, und wir sitzen auch schon mit dem nun gebuchten Ticket von Johannes im Zug. Mit 2 reservierten Sitzen. Da unsere beiden Betten im Indischen Abteil oben waren, und die anderen alle voll, blieb fuer Johannes zur Nacht nur die extreme Loesung: Schlafen auf dem Boden. Doch er nahm es wie ein echter Mann, und hat es ueberlebt.
Am naechsten Morgen kamen wir zu 2/6 (halb + halb + fast gar nicht) ausgeschlafen in Kalka an, wo wir den Zug wechseln mussten. Ab hier wird es so bergig und eng, dass nur ein kleinerer Zug faehrt, der sog. Toy Train.
Das tolle: wir wollten den naechstmoeglichen Zug bekommen (Ankunft: 5:15, Weiterfahrt: 5:30), kauften also das normale billige Ticket ohne Reservierung. Das Prinzip hier (bei den Waggons ohne Reservierungsmoeglichkeiten, von denen etwa 50% den Zug ausmachen) ist “wer zuerst kommt, mahlt zuerst”.
Und wir waren natuerlich spaet. Also sassen wir erst im falschen Waggon, auf reservierten Plaetzen, bis wir uns entschlossen den Zug zu wechseln. Daneben stand schon der naechste: Abfahrt eine gute Stunde spaeter. Aber wenn man noch nicht ganz wach ist, vergeht auch die Zeit recht schnell. Das Verrueckte: auch in diesem Zug waren schon alle Plaetze besetzt. Unser Masterplan: im Gang auf dem Boden sitzen.
Waehrend wir weiter auf die Abfahrt warteten, und der Tag langsam hell wurde, wechselten wir nochmal in einen anderen Waggon (einer mit Reservierung), da hier der Gang gross genug fuer 2 zum sitzen und einen zum Liegen (ja, Johannes) war.
Und dann rumpelte der Zug auch schon den Berg hoch: durch ueber 100 Tunnel und mit halt an jedem Kuhdorf ging es in sportlichen 6 Stunden den Berg hinauf. Aber da es mit jedem Hoehenmeter etwas bessere Aussicht gab, war die Fahrt eigentlich ganz gut. (im Vergleich zur Rueckfahrt, s.u.)
Endlich angekommen in Shimla buchten wir als erstes das Rueckfahrticket von hier nach Kalka, dieses Mal wollten wir aber den Luxus als ausgleich. Also saftige 460 Rupien auf den Tisch fuer 2 Personen (Johannes macht noch laenger Urlaub).
Nun ging es zu Fuss weiter den Berg hoch in den Stadtkern, erstmal essen, dann Hotel suchen. Fuendig wurden wir (nach langen Kapriolen mit den nun abgeschuettelten Schleppern [alte Schnacker, die Geld bekommen, um dich in ein teures Hotel zu bringen]) im YMCA. Nein keine 70s Diskothek, sondern ganz einfach: eine gute und guenstige “Jugend”herberge. Guenstiger als jedes Hotel, und qualitativ echt gut. Leider gab es fast nie fliessend Wasser, aber dafuer konnte die Herberge ja nichts.
Von nun an bestand der “Alltag” im wesentlichen aus: schlafen, essen, sitzen, Buch lesen, durch die Gegend laufen, wieder essen und wieder schlafen.
Was man im Urlaub eben so macht: nichts weltbewegendes, einfach mal die Seele baumeln lassen, und das Nixtuen geniessen.
Besonders genossen haben wir das gute chinesische Essen in einem Restaurant, dass eine gute Abwechslung zum indischen Essen aus dem Delhi-Alltag bietet (abgesehen vom gelegentlich Besuch bei Subway und den besten Brunches der Welt).
Und schon ging es am Sonntagnachmittag wieder zurueck nach Kalka und dann Delhi. Doch halt, nicht so schnell: zunaechst stellten wir fest, dass das Ticket nach Kalka auf das falsche Datum ausgestellt war. Mit der Vorahnung des Boesen gingen wir also zum Bahnschalter, und bekamen: Ueberraschung! Service, Freundlichkeit, und gutes Englisch. Alles auf einmal! In Delhi hab ich das bisher noch fast nie in kompletter Kombi gesehen, liegt wohl an der guten Luft.
“Ja, buchen sie einfach 2. Klasse, das Ticket wird vom Schaffner upgegradet. Und in Delhi bekommen sie die Haelfte vom Preis des ersten Tickets zurueck.”
Klingt doch gut, oder? Ja. Die Super-Erste-Klasse stellte sich jedoch als ein rechter Flop heraus: keine integrierte Mahlzeit, wie bei anderen Zuegen auf der Strecke, und Sitze wie in der Sleeper Class im “Normalen Zug”. Aber immerhin: kein Stress, und Sitz/Schlafplaetze.
Und noch eine Ueberraschung am Schluss: der Zug kam fast puenktlich an (bergab is ja auch einfach!). Die kalkulierte halbe Stunde in Kalka ging also auf, und wir stiegen direkt in den Zug nach Delhi.
Nur bloed, dass unser (im Touri-Office in Delhi gebuchtes) Ticket leider nur fuer die Warteliste reichte. Und die Standardtaktik ging nicht auf, denn der sonst omnipotente Schaffner mit der Monsterliste war waehrend der gesamten Fahrzeit nicht aufzufinden. Somit mussten wir mehrmals den Platz wechseln, hatten am Ende (halb, aber eher 3 nachts) immerhin zu zweit eine ganze Bank fuer uns alleine, nachdem der Franzosen, den wir auf der Fahrt und ebenfalls ohne Superticket hier getroffen hatten, sich entschlossen hatte “Johannes-style” auf dem Boden, nein eher seinem Riesenrucksack zu schlafen.
Und nach einer Plusminus-2-Stundennacht waren wir dann auch schon in Delhi. Fast. Noch eine knappe Stunde im Halbschlaf und wir waren “daheim”.
Dann kurz mit der Metro nach Hause, ein verdammt verdiente Dusche, gutes Fruehstueck (Sandwichtoaster!) und schon sitzen wir im Buero, um unsere Pflicht zu tun.
Was mich interessieren wuerde: Haben wir an diesem Tag weniger geleistet, als andere Mitarbeiter? Ich glaub’s eher nicht…